Liebe Leserin, lieber Leser,
die Fluchtgeschwindigkeit der Erde ist ein wichtiger Grenzwert, bei dem ein Gegenstand unwiderruflich seine Heimat verlässt und in die Weiten des Alls entschwindet.
Was das Verhältnis der Menschen zu ihrem Körper angeht, so nähern wir uns rasant einer solchen Fluchtgeschwindigkeit. Noch haben wir erst abgehoben und es scheint alles fast wie immer zu sein, weil wir die rasanten Veränderungen durch die Technik gar nicht in vollem Ausmaß realisieren. Doch das Paradigma von einem natürlichen Körper, der bis zum Tod bleibt, wie er ist, haben wir im Grunde schon längst verlassen.
An unzähligen chirurgischen, technischen, genetischen oder pharmakologischen Baustellen wird fieberhaft daran gearbeitet, den natürlichen Körper – gerne auch etwas verächtlich Wetware genannt – zu reparieren, zu erweitern oder auch gleich ganz zu ersetzen – IT-Revolution war gestern.
Diese Veränderungen greift Telepolis in diesem Sonderheft auf, zieht Schlüsse und benennt die individuellen und gesellschaftlichen Folgen. Beiträge von bekannten Autoren geben einen Einblick in die Arbeit am Körper, die erreichten Erfolge, die nächsten Ziele und Motive.
Ich hoffe, dass Sie nach der Lektüre des Heftes mit uns der Meinung sind, dass wir uns von der traditionellen Anthropologie und den mit ihr verbundenen Körperbildern trennen müssen. Mit Verboten und Strafen wird gegenwärtig auf politischer Ebene versucht, dieses Körperbild zu erhalten. Wir sollten hingegen eine Anthropologie des Entwerfens entwickeln, die zeigt, wie der Mensch und seine Verkörperung sein könnte. Mehr denn je ist das Menschsein ein Abenteuer mit offenem Ausgang.
Florian Rötzer