Qualitätsoffensive
Wer beispielsweise einen Spaten kauft, erwartet, dass der seine Bestimmung erfüllt. Wenn nicht, gibt man ihn zurück und bekommt den Kaufpreis erstattet. Bei einem Softwareprogramm ist das nicht unbedingt so, hier ist man bereit, sich mit Unzulänglichkeiten zu arrangieren. Diese Produktgattung hat es geschafft, dass die Benutzer ihr mit aus leidvollen Erfahrungen gespeister Skepsis begegnen. Leider trifft man allzu oft auf Anwendungen und Geräte mit fehlerhaften Funktionen, fragwürdig gestalteten Bedienoberflächen, quälend langen Reaktionszeiten und wackeligen Abläufen.
Zumindest die übelsten Auswirkungen schlechter Rahmenbedingungen in der Softwareproduktion ließen sich auf ein erträgliches Maß reduzieren. Zwar haben die Anbieter gelegentlich wenig Interesse daran, dass sich ihre Erzeugnisse mit anderen verstehen, aber falsche Entwicklungstechniken und undurchsichtige Benutzerführungen müssen nicht sein. Vor allem wünscht sich niemand unzuverlässige Programme in sicherheitskritischen Bereichen, die heutzutage mit eingebetteten Systemen bis zum Rand gefüllt sind. Kein Auto, kein Atomkraftwerk, kein ICE und kein Herzschrittmacher kommen ohne solche programmierten Assistenten aus, und ein Ende dieser Entwicklung ist nicht absehbar.
Ständige Qualitätssicherung ist also dringend geboten, denn ohne Softwareunterstützung läuft in den industrialisierten Ländern nicht mehr viel. Kleine Ausfälle können große Konsequenzen haben. Und es gibt ja tatsächlich zahlreiche Normen, Vorgehensmodelle, Techniken und Erkenntnisse, die dazu beitragen können, zuverlässige Anwendungen zu erstellen. Was theoretisch plausibel klingt, ist in der Praxis allerdings oft schwer umzusetzen, die Komplexität vieler Systeme lässt sich mit gängigen Mitteln kaum kontrollieren. Termindruck, knappe Budgets und Mängel in der Ausbildung der Entwickler tragen ebenfalls nicht gerade dazu bei, die Gesamtlage zu entspannen.
Die Anbieter können sich in dem Wissen zurücklehnen, dass kaum jemand eine Software zurückgibt, weil sie seinen Vorstellungen nicht entspricht. Lieber flickt man immer wieder notdürftig an ihr herum, als sich aus der Abhängigkeit von einem Lieferanten zu befreien oder zumindest den Garantiefall einzufordern. Ein Bewusstseinswandel würde guttun: Käufer von Software müssten darauf drängen, dass sie einwandfreie Ware erhalten. Viel zu lange hat man sich damit abgefunden, mit halbgaren Anwendungen und Geräten zu leben. Und Hersteller täten gut daran, ihre Kunden ernst zu nehmen.
Das vorliegende Heft stellt das breite Spektrum der Qualitätsaspekte von Software vor: von guter Oberflächengestaltung bis hin zum Test eingebetteter Systeme. Alle Autoren beschäftigen sich schon seit Langem mit dem Thema und freuen sich, wenn sie mit ihren Artikeln und Büchern dazu beitragen können, dass bessere Software auf den Markt kommt. Die beiliegende DVD enthält Demoversionen professioneller Testsoftware, die anzusehen sich für jeden qualitätsbewussten Softwareentwickler lohnt.
Jürgen Diercks